Google

This ıs a digital copy of a book that was preserved for generations on library shelves before ıt was carefully scanned by Google as part of a project to make the world’s books discoverable online.

It has survived long enough for the copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject to copyright or whose legal copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books are our gateways to the past, representing a wealth of history, culture and knowledge that’s often difficult to discover.

Marks, notations and other marginalia present in the original volume will appear ın this file - a reminder of this book’s long journey from the publisher to a library and finally to you.

Usage guidelines

Google ıs proud to partner with lıbraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken steps to prevent abuse by commercial parties, including placing technical restrictions on automated querying.

We also ask that you:

+ Make non-commercial use of the files We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for personal, non-commercial purposes.

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort to Google’s system: If you are conducting research on machine translation, optical character recognition or other areas where access to a large amount of text ıs helpful, please contact us. We encourage the use of public domain materials for these purposes and may be able to help.

+ Maintain attribution The Google “watermark” you see on each file is essential for informing people about this project and helping them find additional materials through Google Book Search. Please do not remove it.

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are responsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users ın other countries. Whether a book is still in copyright varies from country to country, and we can’t offer guidance on whether any specific use of any specific book is allowed. Please do not assume that a book’s appearance ın Google Book Search means it can be used in any manner anywhere in the world. Copyright infringement liability can be quite severe.

About Google Book Search

Google’s mission is to organıze the world’s information and to make it universally accessible and useful. Google Book Search helps readers discover the world’s books while helping authors and publishers reach new audiences. You can search through the full text of this book on the web

atihttp: //books.gooqle.com/

Google

Über dieses Buch

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen ın den Regalen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google ım Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfügbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde.

Das Buch hat das Urheberrecht überdauert und kann nun Öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ıst. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist.

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die ım Originalband enthalten sind, finden sich auch ın dieser Datei eine Erin- nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat.

Nutzungsrichtlinien

Google ist stolz, mit Bibliotheken in partnerschaftlicher Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nichtsdestotrotz ist diese Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch kommerzielle Parteien zu verhindern. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen.

Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien:

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche für Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden.

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen nützlich ıst, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials für diese Zwecke und können Ihnen unter Umständen helfen.

+ Beibehaltung von Google-Markenelementen Das "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sıe das Wasserzeichen nicht.

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer ın anderen Ländern Öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es ın jeder Form und überall auf der Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben.

Über Google Buchsuche

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser Welt zu entdecken, und unterstützt Autoren und Verleger dabei, neue Zielgruppen zu erreichen.

Den gesamten Buchtext können Sie ım Internet unter|lhttp: //books.google.comldurchsuchen.

239015 01809504 5b

" " " | x i u —* Württemberg , wie es war und iff, | . {

3 Gefhildert iriginer Reihe

. | u | terländifcher Erzählungen, Movellen und Skizzen *

Württembergs älteſten Tagen bis auf unſere Zeit.

Fi

Heransgegeben von

Fr. Müller

e r

Zweiter Band.

-

-

Stuttgart. Druck und Verlhag von Fr. Müller.

1854.

*

dj

Ward Nur

3-27-15 //104200-249/ auhalt. | Seite: Franziska von Hohenheim, von W. Zimmernann . . 1 Burg Stauffened, von Karl Pfaff .. . . . 138

Das Wahrzeichen zu Tübingen vom Jahr 1473 ° . . 826 Kabinets-Juſtiz, oder: Jakob von Gültingen, von W. Zim-

mann . .36860

‚Der Eßlinger Frauen- und Jungfrauen⸗Raub im Jahr 1450, 428

Die Belagerung Stuttgartd im Jahr 1286, von K. Pfaff 428

Dtto von Horrheim und die Nonne von Neichertäöhofen . 471

- Daß erite Freifchiegen in Stuttgart . . . . . 405

J

9 Von

Franziska von Hohenheim.

Wilhelm Zimmermann.

Durch die Waldungen zwifchen den Ausflüſſen des Kochers und der art ritten drei Männer in grünem Jagdkleid. Wenn gleich die Kleidung feinen Unterfchied gewahren ließ, fo fah man doch an der faft ehrfurchts- vollen Aufmerkjamfeit, mit welcher der Eine von den beis ben Andern behandelt wurbe, und welche auch durch die größte Vertraulichkeit hindurchſchimmerte, daß fie, ob auch alle von edlem Stande, doch nicht von gleihem Range fein mußten.

Nun, Freunde, fagte der Erſte, indem er fein Roß

‚anbielt und fih lachend im Sattel ummandte, was meint

ihr? Diefe Tannenzapfen werden wohl nie zu Trauben werden, und ich fehe es Dir wohl an, Hugo, Du wün- fcheft Dir jest einen Glauben, wie ein Senfforn, oder die Wunderfraft des Zauberers Yauftus, um Ddiefem uns feuchtbaren Nabelholz einen Becher Weins abzugewinnen.

Die Pferde gehen fchuhtief im Sand, verfegte der Angeredete, e8 ift mir nur um die guten fchönen Thiere. Württemberg wie ed war und ift.2r Bd. I. 1

2

Ich felber habe fo wenig Bebürfnig, wie Euer Durch⸗ laucht.

Durchlaucht? rief der Erſte; o Abgeſchmacktheit! Haſt Du meinen Befehl vergeſſen, daß ich, ſo lange wir auf dieſe Art zuſammenreiten, nicht Dein Fürſt, ſondern Dein luſtiger Geſelle bin? Aber ich wette darauf, dieſe Vergeßlichkeit hat keine andere Quelle, als daß Du Dich ſoeben in den Gedanken Deines Herzens zurüdverfegt an unfere Tafel in unferem NRefidenzfchloffe. Die ge nen DBogelnefter in den luftigen Tannenfronen vergege wärtigen Deiner Phantafle die indianifhen Bogelnefter, ber troftlofe Anblid der Tannenzapfen die treffliche Ana⸗* nas aus den Antillen, die rothen Schneden, die phleg⸗ matifch allenthalben ung über den Weg friechen, zauber- ten Die bie fchmerzlich vermißten Auftern aus dem Mos rafte des Arfenals zu Venedig vor, und das ganze herr: liche Gefolge von Gerichten und PBafteten, Krebfen aus ber Weftfee und accouchirten franzöftfhen Marcafing, zwiſchen den glänzenden Slafchenfpalieren, Die der feuer- geiftige Madeira und der rauhe Burgunder, ber füße Ieihtfinnige Champagner und ber fehwarzblütige Syra⸗ fufer umbherbilden. Gelt, ich habe es getroffen? Deine Lippen glühen wie eine trodene Kirfche in der Juli⸗ fonne. . Ä Du irreſt Did, Herzog, weil ich Doch einmal im Kameradentone fprechen fol. Wenn meine Lippen glü: hen, fo ift es, bächte ich, doch weit eher von den Küſſen bes fchönen Goldfchmidstöchterleins in Gmünd vorgeftern Nacht, die mir noch in al ihrem Tieblichen Feuer darau

3

fortbrennen. Das war ein Apfelbäumchen, Herzog, ha! wie Du im ganzen großen Liebesgarten Deines Landes feines haft. Alle goldenen Früchte, kaum gereift, Tachten noch darauf in frifcher, unberührter Schöne. So glüd- ih war ih, während mein Herzog im feligen Walzer mit der Frau Bürgermeifterin, an der das Schönfte ihr Soldfpigenhäubchen war, den Rathhausboden abſchliff.

J Ich merke, lachte der Herzog, Du möchteſt mir gerne

eiches mit Gleichem bezahlen, und wie ich Dich nach eine? guten Tafel lüftern machte, mir den Mund nach » Deiner Gmünder Traube wäfjern machen, aber Du haft

fehlgeſchoſſen, Freund; ich gönne fie Dir von Herzen, ohne # Heid.

I, ja, fagte Hugo, fo ſprach auch der Fuchs in der Fabel. Nein, ich verfichere Euch, wenn Ihr fie ge- jehen hättet! Diefe Geftalt, fo Flein und fo ftolz, fo des müthig und fo gebietend, fo züchtig und fo warm fie wäre ein Engel, wenn Engel Funken und Flammen fprühten, aber fo muß ich fie für ein Kind des alten, goldlodigen, heidnifchen Kleinen Teufel Amor halten; denn ich fühlte, ich fah es ganz deutlich, feurige Funken flogen ihr aus Lippen, Loden, Augen, Yingerfpigen und allen Gliedern hervor und zu einem leuchtenden Nege um mid) zufammen. Ich hörte nichts von der Tanzmuſik, die neben ung im Saale fortwirbelte; ich hörte nur fie, das Flü— ftern ihres Wohllauts. Vor mir ftand fie, wie eine feu- tige Braut in ber Sternennadt, von innen heraus von der jchönen Glut ber Liebe durchfpielt und durchleuchtet. Amen! fagte der Herzog fröhlich. Und damit Du

Pu

fiehft, wie wohlgefinnt auch ich Dir bin, fo wiſſe, biefes Dein Abenteuer freut mich mehr, als wenn ich felbft ber Glüdliche geweſen wäre: denn ich bin gar nicht fo un- dankbar, wie Du öfterd zu verftehen zu geben liebft, und gebenfe Dir no mit theilnehmendem Herzen den un- fanften und ungebildeten Abfchied, den Dir neulich in meiner eigenen Refldenz jener Grobian gab, der enfäl- tige Bürgerdmann im Schurzfell. Es lag wenigſtens, d mußt Du geftehen, etwas zu viel Derbheit und : drud in der Art, wie er Deine Schultern berührte, a daß man ed noch für eine gemeinbürgerliche Freundlich⸗ keit hätte hinnehmen können, mit der ein Biedermann von altem Schrot einem ihm überfließenden ES . feined Herzens auf die Achſel klopft.

Der Herzog lachte laut auf, wie wenn et fih an der Luft der Erinnerung dieſes Schaufpield nicht erfätti- gen fönnte.

Der Begleiter aber erröthete, und feine Blide fprüh: ten Unmuth. In Eurer Scherzluft, fagte er verletzt Scheint Ihr zu vergefien, Durchlaucht, daß biefer Abſchied wie Ihr es nennt, fo eigentlich nicht mir galt. Ich err tete, was ein Anderer gefäet hatte.

Wie? böfe? rief ber Herzog. Ich will nicht Hoffe daß Du fo thöricht fein Fönnteft, über ein Tuftiges Wi von mir grämlich zu werden. Unb zudem höre: Ih bi Dir ſchon oft gefagt, Du folleft Feine fprüchwortlic Nedendarten anziehen und alle Bilder aus dem Sy laſſen; denn Du wendeft fie in ber Regel wenig ric an, und am wenigften, wenn Dir das Blut zu 8

5

ſteigt. Wenn von Ernten die Rebe fein fann, fo habe nur ich geerntet, nicht Du. Denn ich war ed, der an jenem Abend in den verbotenen Garten bed ehrlichen Mannes ging, und mir von feinen fieben Rofen an Ei- nem Strauch die [hönfte pflüdte; Du hielteft nur Schild⸗ wach. an ber Gartenthüre, und auch das mußt Du zugeben Dir wurde nicht einmal eine Ringelblume, After oder ein Hedentöschen zu Theil. Ich hatte dem eſuch gemacht, und mir galt der Abſchied. Du haft al8 das Unangenehme für mich durchgemacht, und fiehe, darum freut e8 mich, wenn Du jeht auch etwas Anmuthiges genießeft, wo ich leer ausgehe. Ia, es follte mich freuen, wenn Du zehn, zwanzig ſolch füßer Liebes⸗

geſchichten erlebteft, während unfere Durchlauchtigkeit das

Zufehen hat; es wäre immer noch nicht zu viel Balfam

für jene Wunden, die Du als treue Schildwache für -

mich empfingft. Aber unfer ritterlicher Balatin von Knie⸗ nadt halt fih ja ſo theilnahmlos und fhweigfam, als ob er gar nicht zur Gefelfchaft gehörte. He ba! Iuftiger Galfonier, Du bift ja auf unferer ganzen Fahrt wie ein Eremit gewefen. Was fol das heißen?

Laß ihn, Herzog, fpöttelte Hugo, er ergeht ſich in feligen Phantafien an feinen nahen Hochzeitstag oder in den Entzüdungen der Erinnerung an feine Braut. Wenn wir gleich neben ihm reiten, fo eriftiren wir jest Doch nicht für ihn; er fiht allein auf feinem Schimmel mitten in unferer Gefelljchaft, wie Liebende thun.

Hoho, Narren, rief der Herzog, Hochzeitstag ?

Braut? Das fol doch wohl nicht im Ernſte heißen,

I

6

dag Du bald heirathen wolleft? Höre, ich weiß viele

tolle Streihe von Dir, aber einen fo tollen trau’ ich

Dir nicht zu. | Ä

| Der Freiherr von Knieſtädt, dem die Anrede galt, fhien wirklich bisher bei dem Gefpräche der Andern we-

nig Intereſſe zu zeigen. Er war immer einige Schritte

hinter den Beiden zurüdgeblieben, wie in ernfte Gedan-

fen vertieft. Jetzt ritt er vor und neigte fich ehrfurchts-

vol vor dem Fürften.

Verzeiht, gnädigfter Herr, fagte er, daß ich ER bis jegt nichtd von meinem Entfihluffe fagte. Nicht der Epott unſeres Freundes, fondern die Furht, Euch zu mißfallen, hielt mich davon ab. Mein bisheriges Leben " Slegt hinter mir, wie ein wilder Traum. Ich habe lange die Liebe nicht gekannt; jet kenne ich fie und weiß, Daß ihre wahre Flamme nur auf dem reinen Altar lodert, und diefer Altar ift das Herz eines edeln Weibes.

Was mußich hören? riefder Herzog, halb erröthend, es war ungewiß vor Verwunderung oder Unmuth. Sch folte doch meinen, Gründe zu haben, Die mir gegen ‚Deine Reinheit einigen Unglauben einflößen.

Die Liebe hat meine Leidenfchaften gereinigt, fagte der Freiherr. Sie fann auch ein befledtes Herz heiligen und weihen.

Heilige Philofophie, fteb’ uns bei! rief der Fürft. So glaubft Du auf einmal an weibliche Tugend? Wir fchmeichelten uns wenigftens in diefem Bach etwas Bir tuos zu fein, aber wir fehen, wir haben die Hauptfache erft noch zu lernen. In dem nicht unbeträchtlihen Res

In 2

7

gifter unferer Weiberfenntniß ift dieſes Bach noch Teer. Nun, und warn wilft Du denn Dich vor den Wagen Hymens fpannen laffen ?

Wenn wir von diefer Reife an den Hof zurüdgefehrt fein werden, ervwiederte der Freiherr, werde ich Euer Durchlaucht bitten, mir gnäbigft Urlaub auf meine Gü⸗ ter zu bewilligen, wo ich mit meiner Adelheid glüdline Tage zu verleben gedenke.

Es wäre Thorheit von mir, fagte Der Herzog, wenn

u A al8 erfahrener Mann, al8 Ehemann, an Di Wars nungen verſchwenden wollte. Ebenfo leicht Fönnte ich den Nachtſchmetterling von der glänzenden Flamme mit Vers nunftgründen zurüdhalten. Du bift Jahre lang auf al» len Blumen und Blüthen des Gartens umbhergeflattert, Du bift e8 jept fatt, und Dein Gelüfte möchte etwas Neues haben. Da lockt Did Hymens Fackel. Wohlen verbrenne die Flügel.

D wüßten Sie, Durchlaucht! Möchte meine Probe Sie befehren.

3a, ja, leider ich weiß! ſeufzte der Herzog. Probe, dag Dig! Aber führe nur Deine Tollheit aus. Du bift der ritterlichfte Gavalier an meinem Hofe, der Fedfte Lodvogel in meinem Liebesparf; aber troß der Adlerfral- fen erkannte ich immer in Dir etwas von der Tauben natur, etwas Zaͤhmbares. Wir aber find ein Achter Ad: ler, unferer edlern Natur ift ber Käfig der Ehe zu enge, im ungemeffenen blauen Raum ift unfer Element, wo wir föniglic und bewegen und die Beute auslefen mit freier Wahl.

8

Moͤge der Himmel geben, Durchlaucht, daß Sie bald einen Gegenſtand finden, der Ihrem Geiſte genuͤgt und Ihr Herz ausfüllt. Das iſt der ſehnlichſte Wunſch Ihres treueften Dieners, zu Ihrem und Ihres Landes Wohl.

Ha, Palatin, bläst der Wind daher? Ich weiß wohl, e8 Kat Dir nie gefallen, daß wir von Zeit zu Zeit auch etwas zu unferem Bergnügen thun, und unfere Minifter die Staatsmaſchine treiben laſſen. Du war mit dieſen ohnedieß nie zufrieden, und wenn Du auf Dein Schloß geht, haben wir Fünftig doch vor Tadel Ruhe. Sollen wir uns unter Alten einmauern? Sollen wir verborgen und furdhtbar wie ein Gott aus dem Hinter- grund unferes Palaſtes regieren und unfern Willen Höf- lingen in Die Feder diftiren, daß unfer Volk zitternd aus ihrer Hand unfere Befehle empfange, wie Die abergläu- biſche Menge die Orakel eines Gottes, den fie nicht fieht, aus bem Munde der Briefter? Nein, wir wollen mit un: ferem Bolfe leben, und die Art unfered Regierungsvers fahrens gewährt und zugleich Luft und ben Vortheil, daß wir die Zuflände unferer Unterthanen, ihr Wohl und Mehe, ihr Gutes und Schlimmed mit eigenen Augen ſehen.

Der Herzog gab feinem Pferde, als er dieß geſpro⸗ ben, bie. Sporen und ritt den Andern weit voran. So⸗ wohl die @rinnerung an fein eigenes eheliches Unglück er lebte in Disharmonie mit feinee Gemahlin als die Anfpielung des Freiheren auf das Wohl feines

9

Landes hatte ihn auf Einmal um feine muntere Laune gebracht.

Ich begreife Dich nicht, ſagte Hugo zu ſeinem Freunde. Du weißt doch, daß er weder Widerſpruch noch Tadel, noch irgend etwas ertragen kann, was ihn, und wäre es auch noch fo leiſe, an feine Verhältniffe mahnt oder feinen Launen und Phantaften entgegen if. Wir werden ihn, wenn ihm nicht bald ein holdes Abenteuer aufftößt, heute fhwerlich wieder freundlich machen.

Aufrichtig gefagt, ich wäre auf dieſe Fahrt gar nicht mitgegangen, verjegte ber Freiherr, wenn ich nicht gehofft hätte, auf derfelben die befte Gelegenheit zu haben, auf feinen Geift einzuwirfen und ihm eine edlere, würdigere Richtung zu geben. Du laächelſt, daß ich fo ploͤtzlich Philofoph und Moralift geworden bin; aber Alles hat fein Ziel und feine Zeit, Freund. Iſt es nicht eine Schande? Da ziehen wir ſchon wieber in die Dritte Woche das Land auf und ab, von Schloß zu Schloß, durch Städte und Dörfer, machen alle Luftbarfeiten, Bankette, Bälle, Bolföfefte, verliebte Abenteuer und tolle Streiche duch, während das Volk zu Grunde geht. Diefe Reife hat mir die Augen fchredlich geöffnet. Die Freude und Luft im Land bat feit den Testen Jahren gewaltig abs genommen; denn fein Mark, fein Wohlftand ift erfchöpft. Er fieht in feiner Verbiendung nicht, in welchen Händen. er bie Regierung läßt, während er fchönen Mädchen nachjagt. Weil biefer abgefeimte Branzofe, Diefer Mont» martin, feinen Phantafien und Gelüften ſtets bereitwillig Hilfe leiſtet, jeßt er unbedingtes Vertrauen in ihn; und

10

mit dem beften Willen, fein Land glüdlich zu machen, läßt er e8 gefchehen, daß man auf feinen Nanıen hin es ruinirt, ihm eine tödtliche Wunde nach ber andern ver- fest, feine ftärkften Pflanzen des Lichtes beraubt, oder gar ganz ausreißt; und er weiß nichts, er ahnt nichts von Allem, bis zulegt dieſes Land, Diefer ſchöne Baum, um den feine Vorfahren von allen Fürften beneidet wur⸗ den, ihm feinen Apfel mehr tragen wird, weil ihm fei- ned Lebens Duell, weil ihm der Saft durch feine Minis fter entzogen iſt.

Nun, Gott verdamme mich, fagte Hugo, wenn id) mir je meine Luft Durch folche unnüge, unnoble Gedan⸗ fen verderben laſſen ſollte. Du erlaubft mir, Bruder, Daß ich ein wenig über das, was ich eben hörte, eritaune. Wie Fommen denn wir dazu, wir, die wir Ihm und tem Plaifir bei Diefem Stande der Dinge im Schooße fißen, unzufrieden damit zu fein? Der Herzog will e8 einmal nicht anders, und ich amüfire mich Dabei. Was geht den . Abel das Volk an, wenn ed nur dem Adel gut geht? Und find wir nicht im Befig aller Ehren, aller Titel, aller Grade in ber Armee? Kannft Du mir einen Hof in Deutfchland nennen, mo ber Adel nobler gehalten wird? Wo uns ein folcher Glanz, eine fo blendende Pracht umfängt- und in unferem Lichte erjcheinen läßt? Wo Feftins, Bankette, Opern, Bälle, Iagden, Masferas den, die fchönften Frauen eine fo liebenswürbige, immer wechfelnde, immer neue Unterhaltung gewähren; und eine Sreiheit, Alles zu thun, wenn ed nur mit Galanterie

11

gefchieht ; eine Ungeftraftheit nein, fo trifft Du es nirgends!. Und wer iſt die Seele von dem Allen? Wir, Wir.

Wohl, fagte der Freiherr bitter, wir find bie Lichter an diefem ‚Hofe, damit wir, wenn wir zum Glanz bes» felben unfer Fett verzehrt haben und zu Ende gebrannt find, als ganz Fleine Stümpfchen den Zürften nicht mehr ‚geniren und von ihm abhängig werden. Ich fage Dir - voraus, dieſe Ehren und Gunftbezeugungen, biefe Foft- fpieligen Bebärfniffe, diefe die Einbildung beraufchenden Lüfte, diefe Triumphe unferer Eitelfeit machen uns über furz oder lang zu Snechten des Herzoghuts. |

Pah! Ehimären! fagte Hugo; welcher Vernünftige wird ſich um die Zukunft viel fümmern? Jetzt lebe ich, jebt will ich genießen, und wenn uns die Stunden auf’8 Angenehmfte dahinfließen, was wollen wir weiter? Gehe Du auf Deine Güter, ich bleibe am Hofe.

Und ich, exwiederte der Freiherr, werde auf dem friedlichen, ftilen Erbe meiner Väter Gutes zu thun und im Schooße der Liebe ein Glück zu genießen verfuchen, das ich im wilden Hofleben jahrelang nicht gefannt und Doch fchmerzlich vermißt habe. -

Sie hatten inzwifchen den Wald durchritten. Gie mochten noch einige hundert Schritte bis zum Ausgange haben, wo Die lange halbdunkle Säulenhalle ber Fichten in eine Art von Thor auslief, das die Pforte zu einer fhönen, ziemlich freien Ausficht bildete, und durch das fhon das Schloß von D. von einer gegenüberliegenden Anhöhe hereinſchimmerte. Da vernahmen fie einen Durch

12 dringenden Schrei des Herzogs, und in demſelben Mo- mente fahen fie, wie er mit verhängtem Zügel vor ihnen hinjagte, dem Ende des Waldes zu.

Site thaten ein Gleiches. Sie kannten die Art bes Herzogs, es mußte ihm ein Abenteuer unter die‘ Hände gekommen fein.

Am Waldthor, durch das fie ungehindert ins Freie zu fommen vermeinten, holten fte ihn ein. Da hielt er, mit hochklopfender Bruft, weit "vorgebeugt über den Haß feines fchweißtriefenden Roſſes, blutrotb im Geficht, das Auge ſcharf nach einem Flecke hingewandt, wie ein Falk auf den Raub. Hart vor ihnen rollte der wilde, breite Strom, hochangefhwollen vom legten Regen, aber fchon wieder klar und düſtergrün. Kein Steg war zu jehen, ‚und ber Fußpfad führte links am Fluffe hinauf, wenn "die Reiter weiter wollten.

Der Herzog aber hatte den Blid rehtwärts gewandt, dorthin mußte ihn fein Verlangen ziehen. Die Freunde fonnten nicht begreifen, nach was? Sie fahen Nichte.

Dort! Dort! ſeht ihr? dort hinter dem vorfpringens den Waldfaum.

Die Freunde fahen einander an, fie fonnten noch immer nichts wahrnehmen.

Verdammt! ftieß der Herzog hervor, und nirgends eine Brüde, nicht einmal eine Hand breit Wegs. Wenn ih nur jenfeits wäre! Sept, jebt fommt fie wieder her⸗ vor, Schaut hin, ha! Wie eine Göttin aus ber Nacht bes Waldes tritt fie heraus aus den Umarmungen des verdammten Fluſſes.

13

Sept fahen die Freunde, wie die Spige eines Na- chens fich hervortrieb, den ihnen bisher die Wertiefung, welche eine der zahlreichen Krümmungen des Fluſſes in ben Wald hinein bildete, unfichtbar gemacht hatte. Weiter und weiter bog er auf der andern Seite ber Krümmung herauf, jeßt war er ganz ſichtbar. Auf. dem Hintertheile“ des Nachens ftand, dad Ruder in der Hand, eine funo- nifche ©eftalt. Schwarze Seide floß im Winde raufchend über den hohen Wuchs hinab. Das Geficht war abge- -wandt, aber wenn es fo ſchön war, wie die blonden, hellgoldenen Loden, die um das ſtolze Haupt unter dem Hut hervorqudlien, fo war es bezaubernd.

Teufel! feht nur, wie fie das Ruder führt! Diefe Heroine muß ich noch einmal fehen und genauer mit ihr befannt werben.

Er riß fein Pferd an ben Uferrand. Es fträubte fih und fcheute. Er riß es zurüd, drüdte ihm blutig die Sporen ein," e8 bäumte ſich, ftredte die Vorderfüße weit aus, und war mit einem Sprung in dem Strome, defien Falte Wellen e8 dampfend ducchfchnitt.

Die Gewalt, mit der Roß und Reiter in den Strom fiel, trug das Geräufch bis zu den Ohren der interef fanten Schifferin, Sie erfchrad, aber wie aus dem Boden des Nachens hervorwachſend, erhoben fich plöglich zwei nervige braune Männer in Schiffertracht. Ste mußten bisher unthätig im Rachen niebergefauert geweſen fein.

Den Herzog irrte es nicht; er ſchwamm auf feinem getreuen Pferde muthig den Strom hinab, Aber aud) die Schifferin irrte es nicht gewaltig; denn“ fte ließ das

14

Ruder nicht aus der Hand, obgleich fie ſchneller als bisher zu rudern fhien. Ja es hatte das Anfehen, als ob fie einiges Ergöben an der Geſchichte hätte,

Doch der Rachen glitt um das zehnfache fehneller buch das Gewäfler, ald das Roß mit feinem Reiter; und ehe der Herzog die letzte verzweifelte Anftrengung machen fonnte, um es an dem jenfeitigen abjchüffigen Ufer ans Land zu bringen, verfant es, wie vom Schlag gerührt, unter dem Herzog zum Grunde hinab.

Franziska von B. an Adelheid von ©.

Meine Hand zittert, Du Liebe, ich kann die Feder faum ficher halten, aber die Stunde ift da, wo Dein Bote wartet, und ich bin mit Seele und Sinnen zu eng verwoben in Dein eigenes Sein, als daß ich mein Ver⸗ fprechen, auch während dieſer Furzen Abweſenheit, mit ‚Dir wenigftens jchriftlich jeden Tag zufammen fein zu wollen, unerfüllt laffen fünnte. Mir ift bier zu Muthe, wie einem Vogel, der den Frühling ber Freiheit trinft zum Erftenmale. z |

Hier höre ich die Bewerbungen des alten Barong, die Beftürmungen meines Vaters nicht. Richt nur über mir ift der blaue Himmel aufgefohlagen, auch in mir hängt ein wolfenlofes Blau der Vergeſſenheit über meis nem Herzen, wie über einem erwachenden Thal, und wie Lerchen auf- und abfteigen im himmlifhen Raume, fo ergehen fich meine Gedanken, nie gefannte Gedanken, in

15

dem AU, und greifen, nad Großem ftrebend, in die Weite, und im Grunde des Bufens wachfen meine Gefühle hier mächtiger, und fuchen eine Sonne, ihre Blumen für das Leben, zu einer edlen, jchönen Wirkſamkeit zu entfalten.

Aber fern am Rande meines Horizontes zeigt mir immer nur zu bald wieder ein Bli das dunfle Wölf- hen, das eine vernichtende Gewitternacht meinem Früh: lingstag werden kann.

Der Baron! O Gott, warum fol gerade ich ihn heirathen, da Hunderte ſich glüdlich priefen, Königin feiner Schlöffer zu werden? Er und Ih! Kannft Du Dir im weiten Raume ber Schoͤpfung zwei ungleichere Weſen denken? *

Du kennſt mich zu gut, um mich im Verdacht zu haben, daß mich der Abſtand der Jahre ſchrecke. Nicht Jugend, nicht einmal Schoͤnheit, die doch unſer aller Sinne feſſelt, iſt es, was ich von Dem verlange, mit Dem ich mein Leben theilen ſoll.

Aber ein Mann muß es ſein, kraftvoll und feurig, wirkend und ſtrebend, den ich lieben ſoll. Das Sigel des Geiſtes, der Muth, welcher edler Thaten Vater iſt, müßte auf feiner Stimme leuchten, und er müßte alle Quellen und Bäche meiner Liebe und meines Lebend be- herrſchen, und ich in ihm, durch ihn und mit ihm wirken. Und der Baron! Dir brauch' ich ſein Conterfei nicht erſt zu entwerfen. Du. weißt, daß er im Frühling am Ramin fist, und den Sommer im Pelz bei der Karte hinweggähnt. Sein Gold ift ihm fein Himmel und feine

16

Erbe, fein Fruͤhling und Sommer, fein Gott und In Freund warum nicht auch feine Braut?

Er und id!

Mein Berftand und mein Herz empören fich dagegen; aber mein Bater will es, mein Bater 'rathet, mein Vater bittet. Selbſt hieher, in die Freiheit, trug ich den rothen, ungerreißbaren Baden mit, an dem er mich jeden Augen blick, in welchem es ihm beliebt, zurüdziehen, nach feinem Willen Ienfen kann die Kinbespflicht, Die Liebe zu meinem Bater.

Du weißt, wie leidenfchaftlich ich es liebe, auf einem Strome zu fahren. Am Buße des Schloffes, kaum hun⸗ dert Schritte davon, liegt der ſchöne Fluß; er fpiegelt mir, fo oft ich zu meinem Fenfter trete, wie eine filberne Schlange entgegen. Geftern Eonnte ich nicht länger dem Gelüfte widerftehen. Ich ging in das Dorf und fah, ob ich feinen der Fifcher für mich gewinnen fünnte, und bald, mit wenigem Geld und viel Freundlichkeit, über bie ih ja, wie Du weißft, ald zu verfchwenderifch damit ge= gen geringe Leute, nur zu oft von meinem Vater getas belt werde, gelang e8 mir.

Ein alter, waderer Mann fagte mir zu, mit Hilfe feines Sohnes Beute Nachmittag mich ftromauf- und ab- wärts zu fahren. Aber meine Liebhaberei, ſelbſt das Ruder zu führen, kennft Du, Ich that es auch hier, mit welcher Luft! und firomaufwärts., Ich Fenne Fein Gefühl, das mich mehr erhöbe, als das, dem Naturelement und feinen Maffen entgegen mit gewandter Hand und Kraft zu ftreben, über feinen blauen Rüden ftolz triums

17

phirend dahinguziehen. Der menfchliche Geift ſich nie größer, als im Sieg über Die überlegenen Naturgemwals ten: ba wird er fich feines Werthes, feines übernatürlis hen Geſchlechts bewußt.

Wir fuhren eigentlih um den Wald herum; denn der Fluß umminbet dieſen, wie ein filberner Gurt. Es war lieblichs heimlich zu hören und zu fehen, wenn das Gebüſch rauſchte, und der Kopf eines Rehes oder Hir⸗ ſches mit verwunderten Augen über die Sträucher herr aus und zufah, wie wir vorübergleiteten, und das Thier dann auf Einmal wieder ſcheu, furchtſam zurädfloh in den Wald.

An einer ſonnigen Stelle ließ ich landen, um aus⸗ zuruhen, wo gerade bie Landſtraße in den Wald einläuft; die Schiffer blieben im Nachen zurüd. Stil und groß ftanden die Buchen wie Säulen, darüber ruhte ber Himmel wie ein ſtahlblaues Tempeldah, und an ber Wölbung zogen einzelne weiße Wölkchen leicht, wie Träume einer Seele, hin. Ich empfand klar, warum die alten Völfer ihren Gottesdienft in Hainen feierten. Eine große Seele wird größer, begeifterter in der heiligen Natur, und Weleda, bie-alte Priefterin, bie begeifterte. Kürftin ihres Volkes, wäre bag in Stäbten, in Refidengen nicht ger worden.

Es ift ein fehöner Gedanke, daß ein Weib Anleiterin ‚zu Sitte und Bildung, Kunſt und Wiſſenſchaft einem Volke fein kann!

Ich ſaß, den Rücken an einen Baum gelehnt, das Geſicht dem Walde zugelehrt, und dachte bleſem Gedanken

Württemberg ıc. ꝛr Sb. I

18

nad. Dumpfer Huffchlag ſchreckte mich auf. Den Wald ber jagte mit verhängtem Zügel ein Reiter auf mich zu, in ‚einiger Berne hinter ihm zwei andere. Mit einem Schrei war ich im Nachen, und ruderte Fräftig ben Strom hinauf. | j

Es 'war eine edle Geftalt, die auf dem Pferde ſaß denn ich ruderte nur vom Ufer weg, nicht zu weit, um den Gegenftand meines Schredens nahe zu fehen ritterlich, eine fühne Phyflognomie, edel, aber nicht zu ebel, um nicht. verdächtig fein zu Fönnen. Am Bluffe ange- fommen, bielt er ftil, beftürzt verwirrt, wie Einer, bem auf feinem Vorhaben plögli ein Schlagbaum vorgefchos ben wird.

Seht wußte ich deutlich, daß ed mir galt. Wir fahen uns, Aug in Aug, einige Sefunden. Er ftieß einige verwworrene Worte hervor; ich glaube, es Flang, wie Salanterien. Mir wurde ängftlih. Ich drang mit Macht firomabwärts, doch ließ ich das Ruder nicht aus der Hand. Er follte mich nicht muthlos fehen. Nach zehn Minuten, als wir von der Stelle weit entfernt wa ven und hielten, um zu lauſchen, trieb ein todted Pferd an unfern Rachen, diefer ſchwankte und drohte gedrängt von der Maffe umzuſtuͤrzen e8 war fein Pferd; ihn, feine Reiche, fah ich nicht.

Hat eine göttliche Hand ihn gerettet? ober iſt er tobt, Hinuntergerifin vom böfen tüdifchen Geift bes Fluſſes?

19

Man erficht aus dem vorftehenben Briefe, daß bie ſchöne Schifferin, die den Herzog entzündet hatte, bie Briefftelerin war. Franzisfa von Bernardin war bie Tochter eines nicht reichen Freiherrn, der einen Antheil an der Herrfhaft Adelmanngfelden hatte, wo fie ihre Kindheit und Jugend verlebte.

Mit einem ftarfen Geifte und lebendiger Phantafte von Natur ausgeftattet, war fie in Die Hände von Lehr rern gefallen, welche diefen Eigenfchaften die Richtung und Bildung angebeihen ließen, die feltenen Gaben ftets werben follte, und die ihnen, befonders in höheren Stän- den, nicht häufig wird. Eine treffliche Erziehung war das Einzige, was das Glüd für fie that. Denn bei unferen gefellfehaftlichen Werhältniffen wird Niemand läugnen, daß die Erziehung wefentli vom Einfluffe des Zufalls, des Glüdes abhängt, wofern man Fügung Zufall nennen will.

Die Kenntniß nicht nur ber franzöftfchen Literatur, die damals die Welt beherrfchte, und die man, wenn auch nur oberflählich, von jedem Gebildeten ohne Unter⸗ fchied des Gefchlechtes forderte, nicht nur des Vorzüglich, ſten aus der Flafftfchen Vorzeit, fondern felbft des deut⸗ hen, damals fchon erwachten, aber noch wenig erkann⸗ ten Genius hatte ihrem Weſen einen höheren Schwung, und eine Begeifterung für das Große und Schöne ges geben, was fie beim erften Anblid von Andern ihres Gefchlechtes unterfchieb.

Und doch ahnte der gemöhnliche Beobachter nur ben geringften Theil ihres innern Reichthums; denn ihr Geift

20

zeigte fih im .gejelligen Leben nur wie ein Flarer und ruhiger Bach, befien tiefer Waldquell unter dem blühen- den, grünen Ueberhang und den anmuthigen Blumen der Tiebenswürbigften Weiblichfeit verftedt lag.

Aber wer einen tiefern Blick in dieſe Bruft hätte thun fönnen, der hätte auch für fie gefürchtet. Ein thatenheißes Herz, das feine Sphäre, das Feld nicht findet, wohin e8 feine Quellen befruchtend ausftröme ein Schidfal, das bei Weibern öfter vorfommi, als bei Männern verglüht in fich felbft, und wird die Urne feiner eigenen Aſche.

Das find jene ftillen, hohen, blaffen Geftchter, jene zuhigen lächelnd ernften, die unter und noch lebend ums herwandeln, aber über deren Saatfelder des Glüdes ber Tod ging; die Welt ahnt, das ſie unglüdlich find, aber fennt ihr Unglüd nicht, und findet fie intereffant.

Franziska war von ihrem Vater dem reichen Sams merheren v. Leutrum beflimmt. Der gute Alte glaubte auf .diefe Art am leichteften den Fehler des Glüdes, das ihn vernachläffigt hatte, gut zu machen, und feine Toch- ter zu dem Glanze äußerer Berhältniffe zu erheben, den er, weil ex fein ganzes Leben fein höchftes, vergebens erfehntes Ziel geweien war, für diefelbe als das Wün- fhenswerthefte hielt. Sp groß des Kammerheren Reichs thbum war, fo groß war feine Ungeftalt. Franziska's förperliche Reize waren nit ſowohl Gefchenfe der Goͤt⸗ tin der Schönheit, als vielmehr der Grazien, welche jede Regung und Bewegung, alle Formen der hohen Geftalt adelten, und der Zauber, der von ihrer Erfcheinung aus,

21

ging, war mehr ein unfichtbarer, ganz verfchieden von jenem gewiſſer blenbender Schönheiten, aber vielleiht eben darum um fo geheimnißvoller wirfend und um fo mächtiger.

Daß Franzisfa die alltägliche Seele des Kammer⸗ heren beflegte, war eben fein mühenoller Triumph. Aber daß eine folhe am Boden kriechende Schnede, wie dieſe Seele, welcher ber Frühling mit feinen göttlichen Anger fit, mit feinen Blüthenbäumen und Nachtigallen, mit feiner Poeſie und feiner Liebes- und Lebensluft lang⸗ weilig und ennuyant, und der Winter im warmen, engen Häuschen das Elyfium ihres Seins war, mit einem fo glänzenden, fonnetrunfenen Sommervogel, wie Franziska, die Reife durch das Leben machen wollte, das war eine Sünde gegen den heiligen Geift der Schönheit und Liebe, welche aber eben darum um fo häufiger in unfern Ver⸗ hältnifien begangen wirb, je weniger fie begangen wers den follte, und je weniger fich Diejenigen, bie fie begehen, davon überzeugen laflen wollen.

Den täglich fi) erneuernden Werbungen des Kam⸗ merherrn zu entfliehen, hatte Franziska bei Verwandten in der Ferne einen Befuch gemacht, been bas Schloß Aſſumſtadt gehörte, Hier war ihr jener Vorfall aufges ſtoßen, befien tragifchen Ausgang fie ihrer Freundin Adels heid mittheilte, die mit ihr in Adelmannsfelden aufge- wachen war. Bon dem Schidfal bes verwegenen Jäs . gers konnte fie nichts weiter erfahren; fie glaubte ihn tobt.

Der Herzog aber war durch feine Förperliche Ge⸗ wanbtheit und durch den Beiſtand ſeiner Freunde gerettet

22

worden. Doch kaum an’s Ufer gebracht, ſank er bewußt- 108 zufammen. Die Gfut der Leidenfchaft, die verbun- den mit dem fchnellen Ritt fein ganzes Wefen fieberifch entzündet hatte, und der plößliche Wechfel der Erhikung und Erfäktung im Zluffe, hatten die fonft Eräftige Natur überwältigt,

Die Freunde eilten mit ihm auf ein t Schloß in ber Nachbarſchaft, mitten im Walde, deſſen Befiger ihnen befreundet war, Alles in der Stille und in tiefem Ge⸗ heimniß,

Eine ſchwere grankheit warf ihn auf das Lager. In feinen Fieberphantaſien befhäftigte ihn wochenlang nur Ein Bild, das hohe Weib, das den Fluß hinab- ruderte, und er vergebens ihr nachringend. Aber beim Erwachen war jede Spur der Erinnerung verwifcht; und von Tag zu Tag, je mehr die Wildheit des Fiebers nadhließ, und der Kranke ruhiger wurde, fank und ſank die fhöne Schifferin immer tiefer in der Strömung fei- ‚ner Träume, und wie er der Genefung ſich nahte, hatten die Wogen feiner Gefühle und Gedanken, die durch ihre Erfheinung aus dem Gleichgewichte gebracht worden waren, fi Tängft über ihr gefchloffen, und fie floßen glatt und eben, wie wenn nichts gefchehen wäre.

Und die Freunde hüteten fi, feine Erinnerung an die Bergeffene zu beleben.

Das fhönfte Land, das Paradies Deutſchlands, hatte der Herzog von feinen Vätern als Erbe erhalten;

23

von hundert Flüffen getränft, lag es wie ein lachender Garten vor dem jungen Fürften, als die Stunde fchlug, wo das Recht ber Erbfolge mit dem Herzogshut feine blonden Loden ſchmückte. Aber er war zum Serrfcher

berufen worben, eb’ er die Kunft gelernt hatte, fich felbft .

zu beherrfchen.

Faft noch ein Find im fe8jehnien Sahre faßte feine Hand das Scepter. Er hatte das Schidfal Adams im. Paradiefe. Die Schlange der Verſuchung iſt Keinem näher als einem Fürften, und ihn verführte fie bald, nachdem er Anfangs die glänzendften Hoffnungen erwedt hatte, Er badete fich in einem Meere ungezähms- ter Genüfle, fein ganzes Land ward ihm ein großes Freudenhaus, und die edeln Frauen, die fhönen Töchter defielben opferte ex feinem Vergnügen, harmlos, wie man eine Nelfe, ein Veilchen am Wege pflüdt, als Strauß auf feinen Hut oder in's Knopfloch ftedt, und nad) einer Stunde fie wegwirft, und fröhlich weiter zieht.

Mitten im Garten feines Lanbes fland ein Daum, durch uralte Weihen geheiligt und unantaftbar. Die Er⸗ fahrung von Sahrhunderten knüpfte an ihn das untheils bare Wohl von Fürft und Boll, Sein Vorgänger hatte Hand an ihn legen wollen, aber im Momente, da er den frevelnden Arm ausredte, Hatte ihn ein geheimnißs volles Scidfal blutig hinweggerafft,“ in welchem der fromme Glaube ein Wunder der Vorfehung, die Menge aber das Wirken einer finfteen bämonifchen Macht fah, worüber fhauerlide Sagen von Munde zu Munde gingen.

24

Diefer Baum war die im Herzen ded Volles wur⸗ zelnde, alte, freie Verfaſſung des Landes,

Richt gewarnt durch das Grauen, womit das Ende feines Vorfahrs umhüllt war, bethört durch die Schmei- - chelreden und Rathichläge der an feiner Tafel ſchwelgen⸗ den Höffinge, und wie beraufcht durch ben täglichen Ges nuß des Mass und Bluts feiner Unterthanen, hatte er jhon manche Zweige und Aeſte des heiligen Baumes abgebrochen, weil fie feiner erhitten Begier, feinen in’s Ungeheure wachfenden Leidenfhaften im Wege waren.

Die Herzen ber Butgefinnten waren vol Trauer und Unwillen; und doch Fonnte er, ohne‘ irgend eine Unbill beforgen zu dürfen, zu jeder Zeit bes Tages und ber Nacht, allein, oder mit wenigen Begleitern, Stadt und Land durchziehen, feinem Vergnügen nachgehend !

So groß ift die. natürliche Liebe der Menſchen zu ihren angeftammten Fuͤrſten, daß diefe das Ungeheuerfte fih “erlauben müffen, bis bie Zuneigung in den Herzen ausgelöfcht wird. Frommes Hängen an überliefertem "Glauben, der die Berfon des Regenten mis einem hehren Glanz und Heiligenfchein umgibt, als eines Gefalbten bes Herren, und von Sindesbeinen an gewohnte Ehrs furcht, find die ftarfen Bande, die ein Volk an feinen Fürften fefleln.

Wenn bdiefe Bande dennoch zerreißen, fo ift e8 ftets das Verſchulden des Fürften.